Der Druck Steigt

"Jeder Franken zählt": Klima-Aktivisten fordern, dass Schweizer Investoren ihr Geld aus Kohle- und Öl-Investments abziehen sollen.

Sept. 25, 2017


Dieser Artikel von Markus Hofmann stammt aus der Zeit Nr. 29/2017.

Sie rechnet nicht in Millionen, sondern in Milliarden. Und trotzdem sagt Jessica Kind: "Jedes Mal, wenn jemand in der Schweiz sein Geld aus der fossilen Industrie abzieht, haben wir Grund zum Feiern." Jeder Franken zählt.

Wir, das ist der Schweizer Ableger der weltweiten Bewegung Fossil Free. Um das Klima zu schützen, setzt sie nicht allein auf die Macht der Politik, sondern vor allem auf die Hebelkraft der Finanzmärkte. Dahinter steckt die Überlegung: "Wenn es falsch ist, das Klima zu zerstören, dann ist es sicher auch falsch, von dieser Zerstörung zu profitieren." Und damit sich das ändert, sagt Jessica Kind, braucht es das sogenannte Divestment.

Firmen, staatliche Organisationen, Kirchen, Pensionskassen, Wohltätigkeitsorganisationen und Privatpersonen sollen ihre Vermögensanteile, die sie in Kohle-, Öl- oder Gasunternehmen gesteckt haben, dort wieder rausnehmen – eben des-investieren. Das mag langweilig klingen, ist aber im Endeffekt radikal. Fossil Free will den Unternehmen ihre Geschäftsgrundlage entziehen. Und sie so zerstören.

Ihren Anfang nahm die Bewegung 2010 an einem privaten College in den USA. Richtig bekannt wurde sie aber erst zwei Jahre später. Dank eines Artikels des amerikanischen Umweltaktivisten Bill McKibben im Rolling Stone. Er schrieb: Würden alle bekannten Vorräte fossiler Energien verbrannt, könne dies zu einem globalen Temperaturanstieg von 6 Grad Celsius führen, also weit mehr als die von der Klimapolitik als Obergrenze verankerten 1,5 bis 2 Grad. Daher gibt es nur eins: Die bereits bekannten Gas-, Öl- und Kohlevorräte müssen in der Erde bleiben. Und zwar zu 80 Prozent.

Der Artikel ging im Internet rasch viral. An Universitäten entstanden Divestment-Komitees. Studenten forderten ihre Uni-Leitung auf, nicht länger in die Fossil-Branche zu investieren. Inzwischen sind, sagen die Aktivisten, bereits über 5000 Milliarden Dollar abgezogen worden. Auch wenn die Öl-Lobby die Zahl bestreitet – das ist ein beachtlicher Erfolg. Neben den USA ist Fossil Free vor allem in Großbritannien erfolgreich, wo es der Guardian mit einer intensiven Kampagne ("Keep it in the ground") unterstützt.

In der Schweiz dauerte es etwas länger. Obschon hier der Finanzplatz ein wichtiger Wirtschaftsfaktor ist. 2014 wurde an der ETH Zürich ein Fossil-Free-Ableger gegründet. Zu den Pionierinnen gehörte auch die promovierte Geophysikerin Jessica Kind. Gerade publizierte der Verein ein Handbuch, das Anlegern erklärt, wie sie beim Desinvestieren am besten vorgehen. Die Pensionskassen des Kantons und der Stadt Zürich beabsichtigen bereits, ihre Anteile an Kohlefirmen zu reduzieren. Inzwischen hat sich auch die Klima-Allianz, ein Verbund von 70 Organisationen, der Divestment-Bewegung angeschlossen. Die Allianz fordert in einem Klimaschutz-Memento die Schweizerische Nationalbank (SNB) auf, aus den fossilen Energieträgern auszusteigen.

Die SNB ist der größte Hebel für die Schweizer Klimaschützer. Dort liegt sehr viel Geld, das ihrer Meinung nach besser, sprich: klimafreundlicher angelegt werden könnte. Gemäß einer Studie, die von Fossil Free in Auftrag gegeben wurde, investiert die SNB 10,8 Prozent ihres US-Aktienportfolios in börsennotierte Unternehmen der fossilen Industrie. Dies habe einen jährlichen Treibhausgas-Ausstoß von 46,5 Millionen Tonnen CO₂ zur Folge. Das ist etwa gleich viel, wie die Schweiz pro Jahr verursacht.

Die Nationalbank ist bisher auf Divestment-Forderungen nicht eingegangen. Deshalb nimmt der Druck von politischer Seite zu. Die grüne Nationalrätin Adèle Thorens will wissen, ob die Anlagepolitik der SNB mit der internationalen Klimapolitik der Schweiz vereinbar sei. Der Bundesrat meint, die SNB gestalte ihre Anlageverwaltung "neutral" und strebe "keine besonderen politischen oder strategischen Ziele" an. Die Regierung werde weiterhin nicht auf die Anlagepolitik einwirken, besprechen werde man die Sache aber schon. Vertraulich, selbstverständlich.

Dabei war es der Bund selber, der den Einfluss des Schweizer Finanzmarktes auf das Klima hervorhob und Handlungsbedarf ausmachte. 2015, kurz vor dem wegweisenden Klimagipfel in Paris, veröffentlichte das Bundesamt für Umwelt (Bafu) eine Studie zu den "Kohlenstoffrisiken für den Finanzplatz Schweiz". Der Befund: Der hiesige Finanzplatz unterstützt mit seinen Investitionen in den globalen Finanzmarkt ein Klimawandel-Szenario von mindestens 4 bis 6 Grad Celsius.

Maximilian Horster hat an der Bafu-Studie mitgewirkt. Er arbeitet bei der South Pole Group, einer global tätigen Beratungsfirma für nachhaltiges Investieren mit Sitz in Zürich. Und sagt: "Investoren wollen vor allem ein gutes Geschäft machen." Dieses Ziel sei aber gefährdet, wenn ihr Portfolio zu große Risiken berge. Und genau das sei der Fall, wenn viel Geld in der Kohle-, Öl- und Gasindustrie angelegt werde: "Der Klimawandel ist ein Renditerisiko."

Diskutiert wird dieses Risiko unter dem Stichwort carbon bubble oder Kohlenstoffblase. Wenn ein großer Teil der fossilen Energien tatsächlich im Boden bleiben würde, um die Klimaziele nicht zu überschreiten, wären viele Unternehmen überbewertet, die Kohle, Gas oder Öl fördern. Es droht eine Spekulationsblase und damit die Gefahr, sehr viel Geld zu verlieren, sollte diese platzen.

Horster sagt, werde mit der Umsetzung des Pariser Klimaabkommens Ernst gemacht, werde dies "massive Auswirkungen" auf die reale Wirtschaft haben. Das zwinge einen Investor dazu, die Zusammensetzung seines Portfolios zu hinterfragen. Hinzu kämen ganz praktische Risiken: "Lohnt sich zum Beispiel noch die Investition in ein Skigebiet, wenn man mittelfristig mit einem starken Rückgang von Schneefällen rechnen muss?"

Kritiker werfen der Divestment-Bewegung vor, sie sei naiv. Die abgestoßenen Anteile der Fossil-Firmen würden auf dem Markt einfach von jemand anderem gekauft. An den klimaschädlichen Geschäftsmodellen ändere sich dadurch nichts. Das Argument sei grundsätzlich richtig, sagt Horster: "Mit dem Divestment lässt sich nicht die Welt, aber das eigene Portfolio dekarbonisieren, also von schädlichen Klimagasen befreien." Statt zu desinvestieren, sollte man sich daher besser "engagieren", meinen die Kritiker. Und zum Beispiel als aktiver Aktionär versuchen, die Energieunternehmen auf einen nachhaltigen Weg zu lenken.

Die Fossil-Free-Bewegung lehnt diesen Engagement-Ansatz ab. Man habe dies lange diskutiert, sagt Jessica Kind, doch die Zweifel an der Wirksamkeit hätten überwogen. Es bringe nichts, als Aktionär eine Ölfirma davon überzeugen zu wollen, vom Öl die Finger zu lassen; das Öl sei ja deren Kerngeschäft. Auch habe sich gezeigt, dass sich die Engagierten in Generalversammlungen nicht durchzusetzen vermögen. Deshalb entfalte das Divestment seine größte Wirkung, sagt der Finanzindustrie-Experte Maximilian Horster, wenn das Geld, das man aus der fossilen Industrie herausgenommen habe, außerbörslich in nachhaltige Projekte stecke, zum Beispiel in erneuerbare Energien.

Die Divestment-Bewegung hat sich in kurzer Zeit Gehör verschafft. Auch dank ihrer einfachen Botschaft. "Die Finanzwelt ist äußerst komplex. Die Aussage dieser Bewegung aber haben viele Menschen sofort verstanden: Die fossile Industrie ist mitschuldig am Klimawandel, also muss unser Geld da raus." Das sagt Falko Paetzold, Managing Director am Center for Sustainable Finance and Private Wealth an der Universität Zürich. Paetzold, der neben seiner Forschung superreiche Erben in den USA berät, wie sie ihre Milliarden nachhaltig anlegen können, stellt fest, dass in der Schweiz die Divestment-Forderung öffentlich viel weniger präsent ist als etwa in den USA oder Großbritannien. Die Schweizer seien viel weniger an Aktienmärkten aktiv und verstünden sich weniger als Investoren als die Amerikaner oder Briten. Umso wichtiger sei es daher, Anleger wie die Pensionskassen davon zu überzeugen, die Ersparnisse klimafreundlich anzulegen.

Nachhaltige Fonds machen derzeit in der Schweiz nur sieben Prozent des gesamten Fondsmarkts aus. Professionelle Anleger messen sich in der Regel nicht daran, welche Auswirkungen ihre Investitionen auf den Klimawandel haben. Und solange es keinen international vergleichbaren Standard zur Messung der Klimaverträglichkeit gibt, wird sich daran wohl nichts ändern. Immerhin gibt es nun Bemühungen, einen solchen Standard einzuführen. So evaluiert etwa die Internationale Organisation für Standardisierung in Genf eine entsprechende Norm. Und auch der Bund unterstützt diese Entwicklung. Anders aber als die EU, die gerade eine Richtlinie verabschiedet hat, die Pensionskassen dazu verpflichtet, ihre Investitionen sozial und ökologisch auf den Prüfstand zu stellen, will der Bundesrat der Schweizer Finanzbranche keine Vorschriften machen. Die Marktwirtschaft sowie freiwillige Maßnahmen sollen es richten.

Das Bafu bietet bis Mitte Juli allen Pensionskassen und Versicherungen an, ihre Aktien- und Anleihenportfolios kostenlos und anonym einem "Klimaverträglichkeits-Pilottest" zu unterziehen. Bisher haben allerdings erst 34 Unternehmen mitgemacht. Dazu liegen in der Bundesverwaltung "Vorschläge für einen Fahrplan zu einem nachhaltigen Finanzsystem in der Schweiz" auf dem Tisch. Diese sind jedoch lediglich als "eine Einladung zum Diskutieren und zum Handeln" zu verstehen. Unverbindlicher geht es kaum. Jessica Kind und ihre Mitstreiter haben gerade nicht viele Gründe zum Feiern.