Divestment-Bewegung erreicht wichtigen Meilenstein: Über 1000 Institutionen ziehen Investitionen aus Kohle-, Öl- und Gasunternehmen ab

Während in Polen Regierungsvertreter*innen auf einer weiteren Klimakonferenz verhandeln, hat die globale Divestment-Bewegung einen wichtigen Meilenstein erreicht: Mehr als 1000 Institutionen mit einem Gesamtvermögen ...

Dez. 13, 2018


... von fast 8 Billionen US-Dollar (7 Billionen Euro) haben sich inzwischen dazu verpflichtet, ihre Investitionen in fossile Energieunternehmen abzuziehen.

Die tausendste Einrichtung war die französische Caisse des dépôts et consignations (CDC), die für den französischen Staat Renten, Spareinlagen und weitere Investments in Höhe von 173 Milliarden Euro (196 Milliarden US-Dollar) verwaltet. Kürzlich gab die CDC bekannt, sie werde ab 2019 nicht mehr in Unternehmen investieren, die mehr als 10% ihrer Umsätze mit Kohle erwirtschaften – damit stehen die zweihundert führenden Unternehmen der Kohlewirtschaft de facto auf der schwarzen Liste.

Zu den Unternehmen, Universitäten und Städten, die sich zuletzt zum Divestment verpflichtet haben, gehören unter anderem:

– Die Universität Göttingen als erste Stiftungsuniversität Deutschlands (190 Millionen Euro)
– Großbritanniens Faculty of Public Health – eine gemeinnützige Organisation, die sich der Förderung der öffentlichen Gesundheit widmet (über 1,6 Millionen Euro)
– Der französische Versicherer AG2R La Mondiale (101 Milliarden Euro)
– Die Stadt Aalborg in Dänemark

Samyra Hachmann von der Klimagruppe „Fossil Free Berlin” freut sich über die Entscheidung der CDC: „Gratulation, Frankreich! Ein Divestment bei den Staatsfinanzen ist auch in Deutschland dringend nötig. Noch immer finanziert der Bund die Pensionen von 600.000 Ex-Bundesbeamten mit klimaschädlichen Aktiengeschäften. Wir rufen deshalb die Mitglieder des Deutschen Bundestages dazu auf, die Milliarden aus Kohle-, Öl- und Gas-Konzernen abzuziehen.“

Bei der UN-Klimakonferenz in Kattowitz stellte May Boeve, geschäftsführende Direktorin von 350.org einen Bericht zur Geschichte der “Divestment”-Bewegungvor. Zur eintausendsten Divestment-Zusage steht darin:

„Beim Start der Bewegung 2012 war unser Ziel, die Einstellung zur Kohle-, Öl- und Gasindustrie weltweit zu verändern und Menschen zu befähigen, die Institutionen aufzufordern, diese klimaschädigende Industrie nicht mehr finanziell zu unterstützen. Während die Diplomat*innen bei der UN-Klimakonferenz nur schwer vorankommen, hat unsere Bewegung  im Hinblick auf die fossile Industrie einen klaren Bewusstseinswandel in der Gesellschaft bewirkt. Sie sorgt aktiv dafür, dass fossile Brennstoffe im Boden bleiben.”

Aus dem Bericht geht hervor, dass die Anzahl der Institutionen, die sich zum Abzug ihrer Investitionen aus Kohle, Öl und Gas verpflichten, seit 2012 rapide zugenommen hat, ebenso wie die Geldsummen der betroffenen Divestments.

May Boeve, geschäftsführende Direktorin von 350.org:

„Reichweite und Wirkung dieser weltweiten Bewegung sind gewaltig: Kapital in einer Höhe von fast 8 Billionen US-Dollar wird aus Unternehmen wie Exxon und Shell abgezogen. Ihre Kraft erhält die Bewegung von der Basis. Ganz normale Menschen üben Druck auf Städte, Unis, Kirchen und andere Institutionen vor Ort aus, damit diese sich von der fossilen Industrie distanzieren, die als Branche die größte Verantwortung für die Klimakrise trägt.”

Nico Haeringer, globaler Organisator bei 350.org und Berater von Divestment-Gruppen weltweit:

„Wir alle können öffentliche Institutionen dazu bringen, auf alle fossilen Energieträger zu verzichten. Ob es dabei um die eigene Universität geht, die Stadtverwaltung oder den Pensionsfonds – wir können den schmutzigen Industrien den Geldhahn zudrehen und sie dazu zwingen, bessere Entscheidungen zu treffen, indem sie zum Beispiel in lokal produzierte erneuerbare Energien investieren. Das passiert schon an vielen Orten und hat eine ganz eigene Dynamik entwickelt”, so Nico.

Der Bericht zeigt:

– Den exponentiellen Zuwachs an Institutionen und Geldsummen, die aus der fossilen Industrie abgezogen werden;
– eine detaillierte Aufstellung der weltweiten Divestments einschließlich zahlreicher Divestment-Zusagen auf den einzelnen Kontinenten;
– eine Aufstellung von Divestment-Aktionen nach Sektoren, die die ethische Vorreiterrolle des religiösen Sektors beim Thema Divestment aufzeigt;
– Divestment-Zusagen von politischer Bedeutung, wie etwa die der Staatsfonds von Irland und Norwegen sowie Divestments von Städten wie Kapstadt oder New York.

Die erste Divestment-Zusage machte Ende 2011 das Hampshire College in den USA. Hampshire war auch das erste College, das in den 1970er Jahren wegen der Apartheidpolitik seine Investitionen aus Südafrika abzog.

Zur Theory of Change der Bewegung sagt May Boeve von 350.org:

„Die fossile Energiewirtschaft gehört zu den mächtigsten politischen Akteuren der Menschheitsgeschichte. Die langen Arme der Industrie reichen weit in die Hinterzimmer der Macht, auch beim UN-Gipfel, wo ihr der rote Teppich ausgerollt wird. Mit der Divestment-Bewegung hat jeder Mensch die Möglichkeit, Zusammenhänge zu erkennen und deutlich zu machen, dass Klimawandel nicht einfach ‘passiert’, sondern dass er von Konzernen wie Exxon und Shell befeuert wird – und von allen, die diese Unternehmen finanzieren.”

„Die Bewegung sendet das klare Signal an die fossile Energiewirtschaft, dass wir nicht tatenlos zusehen werden, wie sie Profit aus dem Verkauf von Brennstoffen schlagen, die zur Klimakatastrophe führen. Dabei geht es nicht nur um die Gewinne dieser Unternehmen, sondern auch um ihren guten Ruf. Der Umfang der Bewegung macht deutlich: es ist weder akzeptabel Produkte zu verkaufen, deren Klimaschädlichkeit bekannt ist, noch ist es vertretbar in sie zu investieren.”

Zu den Trends und Möglichkeiten bei Investitionsentscheidungen im Zusammenhang mit fossilen Brennstoffen meint Nico Haeringer, der als globaler Organisator bei 350.org Divestment-Gruppen auf der ganzen Welt unterstützt:

„Fast täglich werden neue Kampagnen gestartet, um lokale und prominente Institutionen zum Divestment zu bringen, und auch Fondsmanager*innen entscheiden sich zunehmend aus eigenem Antrieb dazu. Schließlich wird immer deutlicher, dass Investitionen in fossile Brennstoffe im Jahr 2018 ethisch nicht mehr vertretbar und zudem finanziell riskant sind.”

Als nächsten Schritt in unseren Kampagnen wollen wir jetzt die Zahl der Divestment-Zusagen auf 2000 bringen und die Fondsmanager*innen aktiv dazu aufrufen, in einen fairen Übergang zu 100% erneuerbarer Energie für alle zu investieren. https://350.org/de/uber350/