Klimapolitik und Finanzsektor: Pflicht zur Umsetzung des Pariser Abkommens erforderlich

Ohne Regeln der Politik geht es nicht. Ein heute veröffentlichter Bericht des BAFU meint, wie entscheidend es sei, dass Geldanlagen nicht mehr in fossile Energieträger ...

Markus Keller

April 30, 2018


 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Ohne Regeln der Politik geht es nicht. Dies zeigt ein heute veröffentlichter Bericht des Bundesamts für Umweltschutz (BAFU). Dieser hält zwar fest, dass mit dem Übereinkommen von Paris klimafreundliche Investitionen an Bedeutung gewinnen und wie entscheidend es sei, dass Geldanlagen nicht mehr in fossile Energieträger fliessen, dafür aber umso mehr in erneuerbare Energien und eine treibhausgasarme Wirtschaft investiert wird.

Worte sind aber noch längst keine Taten. Die Akteure des Finanzplatzes Schweiz investieren nach wie vor massiv in Kohle, Erdöl und Erdgas sowie in C02-intensive Wirtschaftssektoren, wie mehrere Studien nachweisen. Nationalbank, Pensionskassen, Versicherungen, Banken sowie AHV/IV und die SUVA befördern mit ihren Anlagen eine katastrophale Temperaturerwärmung von 4 bis 6 Grad.

Während andere Staaten, beispielsweise Frankreich und Schweden, bereits Verpflichtungen oder Empfehlungen zur Offenlegung klimabedingter Finanzrisiken erlassen haben, um eine Anpassung des Investitionsverhaltens zu begünstigen, setzt der Bundesrat nach wie vor auf Freiwilligkeit. Damit nimmt er seine Führungsrolle nicht wahr. Aber auch die Politik versagt in ihrer Rolle, gesetzgeberische Massnahmen einzufordern.

Der Bericht des BAFU

Das Pariser Klimaabkommen fusst auf drei gleichwertigen Säulen:

Begrenzung des Temperaturanstiegs

Stärkung der Anpassungsfähigkeit

Klimaverträgliche Investitionen

Dieser dritte Bereich “Klimaverträgliche Investitionen” steht im Zentrum der Aktivitäten von fossil-free.ch und der Klima-Allianz Schweiz, aber leider noch nicht im Bewusstsein oder gar im Zentrum des Handels institutioneller Anleger wie der Schweizerischen Nationalbank, der Banken (Ausnahme Alternative Bank Schweiz) und der Pensionskassen (Ausnahmen: Sammelstiftung Nest, Stiftung Abendrot, CoOpera Sammelstiftung PUK, Metron Stiftung für Personalvorsorge, Personalvorsorgestiftung der HELVETAS Swiss Intercooperation (PVS) und GEPABU.

Der Bericht hält fest, dass von ursprünglich 2900 Milliarden Tonnen CO2 seit Beginn der Industrialisierung im 18. Jahrhundert bis 2016 – vor allem durch die wohlhabenden Länder – bereits etwa 2070 Milliarden Tonnen emittiert wurden und noch “ein Budget von maximal 830 Milliarden Tonnen CO2 [vorhanden ist], wenn die globale Erwärmung in vertretbaren Grenzen gehalten werden soll. Aktuell beträgt die globale Jahresemission etwa 36 Milliarden Tonnen CO2. Bei gleichbleibenden Emissionen wäre das verfügbare Budget somit bis ungefähr 2040 vollständig aufgebraucht. Da der CO2-Ausstoss dereinst nicht von einem Tag auf den anderen gestoppt werden kann, muss der aktuelle Emissionstrend rasch gebrochen wer den. Notwendig dafür sind der Verzicht auf die Nutzung eines Grossteils der bekannten Reserven an Kohle, Erdöl und Erdgas.”

In ein stabiles Klima investieren

Ein ganzes Kapitel widmet der Bericht dem Thema “Klimafreundlich investieren”. In diesem Punkt deckt sich der Bericht zu 100% mit den Analysen und Forderungen von fossil-free.ch. Anders als der Bundesrat sind wir jedoch der Ansicht, dass es nicht ausreicht, “dass sich die Finanzmarktakteure in der Schweiz auf freiwilliger Basis verstärkt auf die Zielsetzungen des Übereinkommens von Paris ausrichten” sollen. Parlament und Bundesrat müssen vom Finanzmarkt die Offenlegung klimabedingter Finanzrisiken verlangen und mit Regulierungen den Übergang zu einer klimafreundlichen Anlagepolitik von Pensionskassen, Nationalbank und Finanzplatz Schweiz beschleunigen.

“Das Ziel des Übereinkommens von Paris lässt sich nur erreichen, wenn grosse Anteile der bekannten Öl-, Gas- und Kohlevorkommen im Boden bleiben. Darum ist es entscheidend, dass Geldanlagen nicht mehr in fossile Energieträger fliessen und stattdessen in erneuerbare Energien und Rohstoffe investiert wird.

Gemäss Schätzungen der Weltbank sind für die Entwicklung hin zu einer klimaverträglichen Gesellschaft mehrere Billionen US-Dollar an Investitionen in CO2-arme und energieeffiziente Technologien sowie anpassungsfähige Infrastrukturen nötig. Staat, Gesellschaft, Wirtschaft und Finanzmarktakteure nehmen massgeblich Einfluss auf die zukünftigen Treibhausgasemissionen, wenn sie auf erneuerbare Energien oder klimafreundliche Mobilität setzen. Im Übereinkommen von Paris ist daher auch das Ziel verankert, die Finanzflüsse so auszurichten, dass sie im Einklang stehen mit einer treibhausgasarmen und gegenüber Klimaänderungen widerstandsfähigen Entwicklung.

Risiken CO2-lastiger Anlagen

Klimapolitische Massnahmen, die den Verbrauch fossiler Brenn- und Treibstoffe verteuern oder einschränken, können Wertpapierbestände abwerten, in denen die Kohle- und Erdölwirtschaft sowie andere emissionsintensive Branchen wie der Bergbau und die Petrochemie einen hohen Stellenwert haben. Auch CO2-lastige Formen der Stromerzeugung (Kohle- und Gaskraftwerke) und der Mobilität (Herstellung fossil betriebener Autos und Flugzeuge) sind potenziell betroffen. Andererseits kann sich der Klimawandel auch direkt auf die Finanzmärkte auswirken: So gefährden häufigere Überschwemmungen und Wirbelstürme Produktionsstandorte und Lieferketten, was für Anleger mit Wertverlusten verbunden sein kann.

Transparenz für klimaverträgliche Investitionen

Geldanlagen in emissionsintensive Branchen sind oft das Ergebnis mangelnder Informationen. Mit dem Ziel, mehr Transparenz zu schaffen, hat der Bundesrat Schweizer Pensionskassen und Versicherer eingeladen, ihre Portfolios auf Klimaverträglichkeit hin testen zu lassen. Portfolios, die zusammen zwei Drittel der Vermögen aller Schweizer Pensionskassen und Versicherungen umfassen, konnten daraufhin analysiert werden.

Die Ergebnisse zeigen, dass die getätigten Investitionen im Durchschnitt eine Erwärmung des globalen Klimas um 4 bis 6 Grad Celsius unterstützen. Dieser Befund deckt sich weitgehend mit dem durchschnittlichen Investitionsverhalten auf den globalen Märkten. Allerdings gibt es zwischen den Teilnehmenden grosse Unterschiede. Dass bei Geldanlagen ein Handlungsspielraum besteht, belegen zahlreiche Studien: Mit klimaverträglichen Investitionsstrategien können durchaus marktübliche Renditen erzielt werden.

Exponierter Finanzplatz

Die Schweiz ist ein global wichtiger Standort für Vermögensverwaltung. Per Ende 2016 wurden hierzulande Vermögen von über 6500 Milliarden Franken in Form von Sparguthaben, Versicherungskapitalien oder Vorsorgeeinlagen verwaltet. Daher hat die Schweiz eine besondere Verantwortung, auch durch den Finanzmarkt zu einer klimaverträglichen Entwicklung beizutragen.

Download des BAFU-Berichts hier: 

BAFU_klimapolitik-der-schweiz-1803.pdf (2,6 MB)